Viele Menschen im technischen Bereich sind es gewohnt, Probleme zu lösen, Verantwortung zu übernehmen und durch ihre Arbeit zu überzeugen.
Sobald es aber darum geht, im Interview über die eigene Erfahrung zu sprechen, wird das für viele plötzlich ziemlich schwierig.
In diesem Artikel möchte ich dir deshalb eine etwas andere Perspektive auf Bewerbungsgespräche und Hiring-Entscheidungen zeigen: weg vom reinen Tech-Stack-Match und hin zu der Frage, warum Unternehmen sich letztendlich für bestimmte Menschen entscheiden.
Themen, die ich in diesem Artikel anspreche:
- unbeliebte Fragen im Interview
- warum Hiring-Prozesse aus mehreren Perspektiven gleichzeitig bestehen
- und wie dir die JTBD-Methode hilft, Hiring-Entscheidungen besser zu verstehen
- eine To-Do-Liste für dein nächstes Interview
Bewerbungsgespräche setzen uns meistens ziemlich unter Stress, besonders dann, wenn die Job- oder Projektsuche schon länger dauert. Viele konzentrieren sich deshalb vor allem auf eine Frage:
Welche Antworten wirken „richtig“? Fast so, als gäbe es einen versteckten Schlüssel für erfolgreiche Interviews.
Und tatsächlich: den gibt es. Er heißt Perspektivwechsel.
Viele Kandidaten in der IT betrachten Bewerbungsgespräche fast automatisch aus einer technologischen Perspektive: Welche Tools? Welcher Stack? Wie viele Jahre Erfahrung? Deshalb fällt es schwer, über die reine Technologieebene hinauszugehen und mehr Raum für die eigentliche Frage zu geben:
Warum entscheidet sich ein Unternehmen überhaupt für eine bestimmte Person?
Und genau dabei kann dir die JTBD-Methode helfen, die aus Marketing, UX und Produktstrategie kommt. Marketing bedeutet dabei nicht, sich einfach „besser zu verkaufen“, sondern Antworten auf zwei grundlegende Fragen zu finden: wer und warum.
01 Die Fragen, die viele Tech-Profis am liebsten vermeiden würden
Das Gefühl kennst du wahrscheinlich: du sitzt im Interview und hast plötzlich das Gefühl, dich „gut verkaufen“ zu müssen, obwohl genau das gar nicht deinem Naturell entspricht.
Viele Menschen im technischen Bereich sind es gewohnt, Probleme zu lösen, konzentriert zu arbeiten und eher durch ihre Ergebnisse als durch Selbstpräsentation zu überzeugen.
Im Bewerbungsgespräch verändert sich diese Dynamik plötzlich komplett. Auf einmal sollst du spontan über dich sprechen, souverän wirken und deine Arbeit möglichst gut präsentieren.
Besonders drei Arten von Fragen empfinden viele Tech-Profis dabei als anstrengend:
- Der Klassiker: „Erzähl etwas über dich“
Die meisten überlegen hier, was die andere Seite hören möchte oder fassen einfach ihr CV zusammen. Die Antwort selbst wirkt häufig entweder zu lang, zu kurz oder wie eine mündliche Wiederholung des CVs. Dadurch entsteht oft keine wirkliche Verbindung zum Gesprächspartner.
- Fragen zu Soft Skills wie Kommunikation, Zusammenarbeit oder Stresssituationen.
Situative Fragen sind schwierig, weil du gleichzeitig kompetent, professionell, sympathisch und glaubwürdig wirken möchtest. Keine einfache Aufgabe.
- Eigene Fragen, also: „Haben Sie Fragen an uns?“
Wenn dir eigene Fragen schwerfallen, fehlt häufig noch ein klares Bild davon, wonach du suchst, sei es bei Projekten, Arbeitsweise oder Unternehmenskultur. Oft fehlt außerdem die Perspektive des Gesprächspartners.
02 Warum gute Kandidaten im Interview oft nicht ihr volles Potenzial zeigen
Als technische Person weißt du, dass du vor allem wegen deiner technischen Fähigkeiten zum Gespräch eingeladen wurdest.
Das Problem ist nur: Viele Kandidaten versuchen im Interview trotzdem noch einmal, ihre Technologien zu „verkaufen“. Dabei hat die andere Seite den technischen Match längst im CV gesehen.
Im Gespräch geht es oft um eine viel wichtigere Frage:
Bist du jemand, mit dem wir gerne zusammenarbeiten würden?
Denn auch wenn sich in der IT-Welt vieles um Technologien dreht, hängen Hiring-Entscheidungen selten nur von technischen Skills ab.
Typische Fehler in Interviews sind deshalb:
- zu starker Fokus auf Technologien,
- die eigene Erfahrung chronologisch erzählen,
- fehlende Perspektive der anderen Seite = die Präsentation nicht als Chance zu nutzen, sowohl die eigene Passung als auch das Verständnis für die Perspektive und Herausforderungen der anderen Seite zu zeigen und zugleich interessante Fragen zu stellen.
Woher kommen diese Fehler?
Die meisten würden wahrscheinlich sagen, dass sie sich einfach nicht gut „verkaufen“ können, eher introvertiert sind oder nicht genau wissen, was die andere Seite eigentlich hören möchte. Dass viele ihre eigenen Stärken nicht klar benennen können, ist meiner Meinung nach eher das Endergebnis und nicht die eigentliche Ursache.
Dafür gibt es zwei Hauptgründe:
1. Viele Menschen wissen zwar, was sie im Job tun, aber nicht, welche ihrer Kompetenzen, vor allem die übertragbaren, für die andere Seite wirklich wertvoll sind. Gleichzeitig unterschätzen sie häufig genau die Fähigkeiten, die ihnen leichtfallen.
Im Grunde fehlt also eine klare Positionierung — mehr dazu findest du im Artikel Positionierung für Tech-Profile
Was wiederum direkt mit dem zweiten Punkt zusammenhängt:
2. Potenzielle Arbeitgeber werden oft zu oberflächlich analysiert.
Das gründliche Lesen der Unternehmenswebsite reicht dafür allerdings nicht aus.
Genau hier können Methoden wie JTBD (Jobs to be done) und Personas helfen.
03 Wie dir JTBD- und Personas-Konzept hilft, Interviews besser zu verstehen
Vielleicht fragst du dich jetzt, was Produktstrategie überhaupt mit Bewerbungsgesprächen zu tun hat.
Der Ansatz JTBD (Jobs to be done) stellt den Kunden und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt.
Die Methode beschäftigt sich vor allem mit folgenden Fragen:
- Warum entscheidet sich ein Kunde für ein bestimmtes Produkt oder eine Dienstleistung?
- Welches Problem oder welche Aufgabe möchte er damit lösen? Wie will er sich fühlen?
Dieser Ansatz hilft dir auch dann, wenn du streng genommen kein Produkt verkaufst, sondern deine Kompetenzen.
Die JTBD-Methode ist im Kontext von Bewerbungsgesprächen besonders spannend, weil sie uns nicht nur dazu zwingt, die Perspektive der anderen Seite einzunehmen, sondern auch weniger offensichtliche Aspekte zu berücksichtigen, wie emotionale oder soziale Bedürfnisse.
Bei der JTBD-Analyse solltest du also drei Dimensionen von Bedürfnissen berücksichtigen:
- funktionale Aspekte = was erledigt werden muss (warum du gebraucht wirst)
- emotionale Aspekte = wie sich jemand fühlen möchte (wenn du deine Aufgaben gut erledigst)
- soziale Aspekte = wie jemand wahrgenommen werden möchte (wenn er sich für dich entscheidet)
Wichtig zu verstehen: Genau danach treffen wir Kaufentscheidungen und vieles davon lässt sich auch auf Hiring-Entscheidungen übertragen.
Wer sind Personas?
In unserem Kontext sind das alle Personen, die an der Einstellungsentscheidung beteiligt sind: Recruiter/HR, PM und/oder Tech Lead aus der Fachabteilung, manchmal auch Geschäftsführer.
Kurz gesagt:
- Personas = wer entscheidet?
- Jobs to be done = warum entscheidet sich jemand für eine bestimmte Lösung?
04 Recruiter, Team Lead, Management: Wer achtet worauf?
Gespräche mit der Fachabteilung fallen vielen Menschen aus der IT deutlich leichter als Gespräche mit Recruitern oder Management. Einfach deshalb, weil die Perspektive technischer Personen ihnen meist vertrauter ist.
Gespräche mit weniger technischen Gesprächspartnern bringen dagegen oft deutlich mehr Unsicherheit mit sich.
Es ist schwieriger zu verstehen, worauf diese Personen eigentlich achten, wie sie Kandidaten bewerten und woran sie erkennen, dass jemand „die richtige Wahl“ ist.
Genau hier werden JTBD und Personas spannend. Sie helfen dir dabei, die Perspektive der anderen Seite besser zu verstehen, besonders dann, wenn diese selbst nicht technisch arbeitet.
Wie eine JTBD-Perspektive im Hiring aussehen kann:
Recruiter
- Funktional: möchte schnell einschätzen, ob deine Erfahrung zur Rolle passt.
- Emotional: möchte das Gefühl haben, einen „sicheren“ Kandidaten weiterzuempfehlen.
- Sozial: möchte als jemand wahrgenommen werden, der gute Menschen für Teams auswählt.
Deshalb achtet ein Recruiter neben dem technischen Match auch auf Kommunikation, klare Ausdrucksweise oder die Konsistenz deines CVs.
Fachabteilung / PM / Team Lead
- Funktional: braucht jemanden, der das Team wirklich entlastet und Projekte voranbringt.
- Emotional: möchte zusätzliche Probleme und Micromanagement vermeiden.
- Sozial: möchte als Führungskraft wahrgenommen werden, die ein starkes Team aufbaut.
Deshalb interessieren konkrete Projektsituationen und deine Arbeitsweise hier oft deutlich mehr als eine reine Liste von Technologien.
Geschäftsführer / Management
- Funktional: möchte, dass die neue Person echten Einfluss auf das Business hat.
- Emotional: möchte das Gefühl haben, dass diese Einstellung kein zusätzliches Chaos oder Risiko verursacht.
- Sozial: möchte als jemand wahrgenommen werden, der gute Business-Entscheidungen trifft.
Deshalb analysiert das Management häufig eher Verantwortung, Stabilität und Denkweise als technische Details.
An diesem Punkt wird meistens deutlich, wie komplex Hiring-Entscheidungen sind und wie viele Faktoren gleichzeitig eine Rolle spielen können.
Denn auch wenn Stellenanzeigen oft stark auf Technologien fokussiert sind, geht es im Interview selten nur darum, ob du „den richtigen Stack“ mitbringst. Hinter jeder Einstellung stehen unterschiedliche Erwartungen, Risiken und menschliche Faktoren, die für die einzelnen Personen im Prozess unterschiedlich wichtig sein können.
Genau deshalb reicht technisches Match allein häufig nicht aus.
05 Ein Perspektivwechsel für dein nächstes Interview
Deine To-Do-Liste:
- Welche Personen an deiner Einstellung meistens beteiligt sind (Personas)? Recruiter, Team Lead, Fachabteilung oder Management?
- Frage dich bei jeder Person (JTBD): Welche Probleme, Erwartungen oder Risiken spielen hier eine Rolle?
- Suche anschließend in deiner Erfahrung nach Beispielen, die genau darauf atworten.
- Überlege dir schließlich, welche Fragen du stellen kannst, um die Perspektive der anderen Seite besser zu verstehen.
06 Was du durch diesen Perspektivwechsel gewinnst
Wenn du die relevanten Personas in deinem Bewerbungsprozess analysierst, wirst du schnell merken, wie unterschiedlich die Schwerpunkte sein können.
Plötzlich werden nicht nur technologische Kompetenzen wichtig, sondern auch Themen wie Problemlösung, Motivation, Verantwortungsübernahme und Kommunikation.
Sobald du den Fokus von Technologien auf andere Bereiche verschiebst, entstehen ganz natürlich Themen, die du im Gespräch ansprechen solltest.
Das Wichtigste: du musst weder übertreiben noch künstlich überzeugen oder zu „salesy“ wirken. Du kannst im Gespräch du selbst bleiben und gleichzeitig genau die Stärken hervorheben, die für deinen jeweiligen Gesprächspartner relevant sind.
Dadurch werden häufig auch eigene Fragen im Interview viel natürlicher. Denn sobald du die Perspektive der anderen Seite besser verstehst, entstehen relevante Gesprächsthemen ziemlich automatisch.
Möchtest du diesen Ansatz gemeinsam mit mir auf deine eigene Situation übertragen?
Genau mit diesen Themen arbeite ich auch mit meinen Kunden im 1:1‑Programm: Positionierung, Selbstpräsentation, Interviewstrategie und ein klareres Verständnis dafür, wie Hiring-Entscheidungen wirklich funktionieren.
Mehr dazu findest du hier: Programm 1:1
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